Wussten Sie schon...?

Fairways to Heaven
© 2003 Timothy O'Grady

Golf club

Begonnen hat alles auf Eis. Die ersten Golfplätze waren zugefrorene holländische Kanäle, auf denen der Ball mit einem Schläger über die spiegelglatte Fläche auf einen eingefrorenen Stock zu geschlagen wurde. Später importierten die Schotten das Spiel und siedelten es zwischen Weiden und Meer auf grasbewachsenen Dünen, den Links, an. Ausserdem führten sie eine Neuerung ein: Der Ball wurde ab sofort in ein Loch geschlagen. Lange Zeit hindurch verwendete man dazu praktischerweise Kaninchenhöhlen, die mit Möwenfedern gekennzeichnet wurden. So blieb das Golfspiel dann mehr oder weniger ungestört vierhundert Jahre lang in Schottland, bis Soldaten es im ganzen Empire verbreiteten.

Heute findet man auf unserem Planeten kein Klima oder keine Landschaft, wo noch niemand es mit Golf versucht hätte. Immobilienentwickler und Architekten sind beinahe gierig auf unwegsames Gelände, um ihre Golfanlagen zu errichten. Man könnte meinen, oft wollen sie damit nur die Machbarkeit beweisen. Golfplätze wurden schon aus gewalztem Sand, auf Lavagestein und in komprimiertem Schnee angelegt. Sie wurden aus Bergen herausgeschlagen und in Klippenlandschaften geklebt. In Andalusien gibt es einen Golfplatz, er heisst Montemayor, der sich in einer grotesk anmutenden Schlucht erstreckt, wobei die Holes Abfolgen kleiner grüner Flächen inmitten von lauter Steinen und Gestrüpp sind. Die Eigentümer nennen den Designer, der diesen Platz entworfen hat, den „Salvador Dalí der Golfarchitekten". In Südfrankreich findet man hingegen eine Anlage auf ganz gewöhnlichem Ackerland, doch belebt durch eine Art horizontalen Ziergarten, in dem die Löcher die Form erotischer Skulpturen annehmen, wenn man sie aus der Luft betrachtet. Derart ausgefallene Golfanlagen mögen sich für ernsthafte Meisterschaften nicht eignen, aber für ein bereits etwas abgestumpftes Publikum haben sie durchaus ihren Reiz.

Was macht eigentlich einen tollen Golfplatz aus? Eine Golf-Spielbahn ist wie ein Roman, eine Fantasie oder wie die Zähmung und manchmal auch der Kampf gegen die Natur. Er kann auf Humus errichtet werden, der von weit her gekarrt wird und dann von Bulldozern auf völlig unfruchtbarem Boden in die gewünschte Form gebracht wird, oder er kann das Gefühl erwecken, als habe man ihn einfach so in der Landschaft gefunden. Und doch sind alle Golfplätze künstlich – eine Schnittstelle von Landschaft und Maschinen und Architekten.

Ein Golfplatz entführt uns auf eine Reise, auf der wir als Reisende - jedenfalls am Anfang - offen, neugierig und bereit sind, uns faszinieren zu lassen. Deshalb sollte er so abwechslungsreich sein, wie es das Gelände und die persönliche Sensibilität des Architekten erlauben, zugleich aber auch aus einem Guss, so dass man die eine ordnende Hand dahinter spürt. Ein wirklich wunderbarer Golfplatz hat einige Löcher, die wie Rätsel erscheinen, andere erzählen eine epische Geschichte, und wieder andere muten wie kurze, intensive Gedichte an, vielleicht mit einer Oase zum Ausruhen nach jeweils neun Holes. Gelegentlich findet man auch ein Loch mit Witz. Entlang der gesamten Spielbahn stellt wie in einer Allegorie der Architekt die Fragen des Golfers. Die meisten sind fair und demokratisch genug, um die Möglichkeit einer ganzen Palette an Antworten zu bieten, so dass alle Spieler unterschiedlichen Könnens eine Herausforderung darin sehen. Am besten lernt man eine hervorragende Anlage von den hinteren Tees aus zu schätzen, denn mit dem Profi pflegt der Architekt den profundesten Dialog.

Golf-Architekten, sogar die besten, können sich in einem einzigen Augenblick selbst widerlegen. Da geschieht etwas an der Schnittstelle zwischen Geist und Materie, eine neue Ebene wird erreicht, und ein kleines Wunder entsteht. Als der grosse kanadische Golfarchitekt Stanley Thompson in den kanadischen Rocky Mountains an der Anlage in Banff arbeitete, nahm er häufig eine Flasche Gin mit in die Wildnis und beschwor die Holes, vor seinem geistigen Auge zu erscheinen. Als er seine Meditationen schliesslich beendet hatte und ein wirklich aussergewöhnlicher Golfplatz entstanden war, stolperte er plötzlich über einen seltsamen schüsselförmigen Krater zwischen den Felsen, an dessen Grund sich Gletscherwasser gesammelt hatte. Sofort zeichnete er seine Pläne um und baute eines der denkwürdigsten und mysteriösesten Löcher in sein Konzept ein, die ich je gespielt habe. Es ist ein Par drei mit einem Carry von rund 160 Yards bergseitig, über den Teich und hinunter durch schaurig blaugrünes Licht zum Green, wobei sich im ruhigen Wasser Fichten, ein grasender Elch, das Felsrelief und der Himmel spiegeln.

Das Loch stellt die nicht weiter zu reduzierende Einheit der Golfbahn dar, wie der einzelne Schlag das Spiel selbst repräsentiert. Man lernt grossartige Golflöcher nach und nach kennen, wobei sich ihre Subtilität enthüllt und die Strategie, sie zu spielen, plötzlich an Bedeutung gewinnt. Je besser man sie kennt, desto interessanter werden sie. Sie ändern sich jedes Mal, wenn man sie spielt – nach Wind, Temperatur, Mitspielern und der Art des Wettkampfes, vor allem aber auf Grund einer Transformation der Persönlichkeit des Spielers. Arnold Palmer hat gesagt, als er jung und optimistisch war, seien ihm Golflöcher als Möglichkeiten zu Sieg und Eroberung erschienen. Als er älter wurde und die Welt schon erobert hatte, als er daher beginnen musste, seinen Ruf zu wahren, begannen sie ihn an Furcht erregende Gänge zu erinnern, in denen überall Gefahren lauern. Ein gutes Hole existiert ganz und gar in seiner eigenen strategischen, emotionalen und physischen Welt, wobei der Architekt Rahmen, Struktur, Farbe und Konturen berücksichtigt, welche die Landschaft bietet, so dass es schliesslich zu einer Art Gemälde wird. Ein guter Schlag fühlt sich bei einem grossartigen Loch einfach besser an. Es ist, als würde das Loch einen Teil seiner Grösse an den Schlag abgeben.

Müsste ich ein herausragendes Hole in meinem Heimatland Spanien nennen, würde ich mich für das 18. Loch in El Saler ein wenig südlich von Valencia entscheiden. Seine Stärke ist eher Grossartigkeit als Subtilität oder Intrige. Es handelt sich um ein 450 Yard Par vier mit Doglegs links talwärts in Richtung auf ein enormes Green, grenzenlos auf der linken Seite und wildes, hügeliges Dünenland rechts, übersät mit zart blühenden Küstenpflanzen. Das Back Tee ist erhöht und bietet eine atemberaubende Sicht über die Dünen hin zum Meer. Der Wind weht hauptsächlich von links und ist hier hilfreich, und wenn man den Drive in diesem Wind gut erwischt, kann der Ball richtig fliegen und dann hügelabwärts bis auf hundert Yards an das Green herankommen. Normaler Weise spielt man jedoch seinen zweiten Schlag von der oberen Plattform des Fairway zum langgezogenen Green mit einem langen oder mittleren Eisen. Das Clubhaus befindet sich gleich links vom Green. Man beginnt das Loch in einer Art Wildnis aus Sand und Wasser und endet neben der Bar. Sowohl der Drive als auch die Annäherung sind aufregend, wenn sie gut geschlagen werden, einmal wegen der Grössenordnung des Hole und dann wegen der Grossartigkeit der Landschaft und des Meeres rundherum.

Ich habe fünf führende europäische Profis gebeten, ihre Lieblings-Holes in ihren jeweiligen Ländern zu nennen und zu beschreiben, wie sie diese spielen würden.

Colin Montgomery
Schottland

Thomas Bjorn
Dänemark

   

Severiano Ballesteros
Spanien

Padraig Harrington
Irland

   
Marie Laure de Lorenzi
Frankreich
 

Timothy O’Grady

Timothy O’Grady ist der Autor von „Curious Journey: An Oral History of Ireland’s Unfinished Revolution“ (gemeinsam mit Kenneth Griffith) und „Motherland“ sowie „I Could Read the Sky“ (mit Fotografien von Steve Pike).

Sein Buch „On Golf“ kommt im Juli 2003 bei Yellow Jersey Press (einer Division von Random House) heraus.

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