World Food Day:
Jeder Tag ist Ernährungstag
„Die Welt muss ihre landwirtschaftliche Praxis umstellen“
Jedes Jahr am 16. Oktober findet der Welternährungstag statt. 2001 war das auch der Gründungstag der Syngenta Stiftung . Ziel der Stiftung ist es, die Lebensbedingungen der mittellosen Landbevölkerung in halbtrockenen Regionen zu verbessern. Geschäftsführer Andrew Bennett und sein Team engagieren sich dabei für nachhaltige Innovationen in der Landwirtschaft. Im folgenden Gespräch erklärt Andrew Bennett, wie die Welt besser ernährt werden kann.
* Wo liegt für Sie die Bedeutung des Welternährungstages?
Andrew Bennett: Der Welternährungstag markiert die Gründung der UN-Spezialorganisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) vor 60 Jahren. Die FAO hatte sich zum Ziel gesetzt, den Hunger in der Welt zu beseitigen und die Förderung der Landwirtschaft in den Dienst der Entwicklung zu stellen. Schätzungen der FAO zufolge litten im Jahr 2004 über 840 Millionen Menschen an Hunger oder Mangelernährung. Das bedeutet einer von sechs Bewohnern der Erde. Die Medien tragen heute viel dazu bei, dass sich der Westen der Hungerproblematik bewusst wird. Trotzdem ist es wichtig, dass wir mindestens einen Tag der Frage widmen, wie wir die Herausforderung des Hungers meistern und das menschliche Elend mindern können.
* Wo liegen die Ursachen des Hungers?
Entgegen der landläufigen Meinung ist der Hunger selten auf Produktionsengpässe zurückzuführen. Auch wird er nicht primär durch Trockenheit, Stürme oder Heuschreckenbefall verursacht. Ein Hauptgrund ist vielmehr die Armut – das fehlende Geld zur Beschaffung von Lebensmitteln. Andere wichtige Faktoren sind das Versagen von Regierungen sowie bewaffnete Konflikte.
Die FAO sagt eine Verdoppelung der weltweiten Nachfrage nach Nahrungsmitteln innerhalb einer Generation voraus. Dafür sind in erster Linie das Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum sowie die Verstädterung verantwortlich. Der grösste Teil dieses Wachstums entfällt auf Asien und Afrika.
* Wie können wir sicherstellen, dass alle unsere Enkelkinder genug zu essen haben?
In der Landwirtschaft konnte die Produktivität mit grossem Erfolg gesteigert werden. Insgesamt hat sich die Produktion in den letzten 40 Jahren verdoppelt.
Allerdings ergab kürzlich das „Millennium Ecosystem Assessment“, dass wir den meisten Ökosystemen der Welt schwere Schäden zugefügt haben. Der Bericht unterstreicht, dass wir die zukünftige Nachfrage nur befriedigen und die beschädigten Ökosysteme wiederherstellen können, wenn wir unsere landwirtschaftliche Praxis umstellen.
Neue Technologien spielen bei der Überwindung grosser Herausforderungen wie Wasserknappheit, Klimawandel sowie Schädlings- und Krankheitsbekämpfung eine zentrale Rolle. Beim Problem des Wassers beispielsweise geht es nicht allein um „mehr Essen pro Tropfen“. Wir müssen uns auch mit der Frage befassen, wie oft sich ein solcher Tropfen wiederverwenden lässt und wie viele Arbeitsplätze er schaffen kann.
Es ist ganz besonders wichtig, dass Kinder auf die Herausforderungen und möglichen Lösungen aufmerksam gemacht werden. Deshalb unterstützt die Syngenta Stiftung das „Gardens for Life“-Projekt, an dem Kinder aus Industrie- und Entwicklungsländern teilnehmen. Der gemeinsame Anbau in Schulgärten verhilft ihnen zu einem besseren Verständnis der Natur, des ländlichen Lebens und der wissenschaftlichen Arbeit.
„Die Gesellschaft entscheidet, was ‚nachhaltig’ bedeutet“
* Spielen die Politiker eine konstruktive Rolle?
Auf Länderebene gibt es gute wie schlechte Beispiele. Auf internationaler Ebene haben die Spitzenpolitiker die Bedeutung der Landwirtschaft zur Verbesserung der Lebensqualität erneut „entdeckt“. Sorgen bereitet mir dagegen die polarisierte Debatte über das Was und Wie. Politiker und Interessengruppen verbringen zu viel Zeit mit der Diskussion von Technologien, Subventionen und Marktreformen, anstatt die Zusammenarbeit zu intensivieren, um neue Landnutzungssysteme und landwirtschaftliche Methoden zu entwickeln.
* Was macht die Landwirtschaft „nachhaltig“?
Ich denke, es geht hier mehr um die Akteure. Es liegt an den Menschen und der Gesellschaft zu entscheiden, was unter „nachhaltiger“ Landwirtschaft zu verstehen ist. Diese Entscheidung hängt unter anderem von der Frage ab, was, wo und wie nachhaltig genutzt werden soll, wer davon profitiert und wer dafür bezahlt.
Die Technologie wird einen entscheidenden Beitrag zur Steigerung der Produktivität und zum Schutz der Ökosysteme leisten. Aber die Befriedigung der Nachfrage von morgen setzt auch Entscheidungen über Vorstellungen, Werte, Geld und Macht voraus. Die Wahl dürfte von Land zu Land unterschiedlich ausfallen. In Europa sind die Landwirte eine Minderheit. Für die städtische Bevölkerung stehen die kulturelle Bedeutung und der Erholungswert ländlicher Regionen im Vordergrund, während die lokale Nahrungsmittelproduktion nur eine untergeordnete Rolle spielt. Für die ärmere Bevölkerung in den Entwicklungsländern hat dagegen die Sicherung von Nahrungsmitteln, Treibstoff und Grundeinkommen Priorität. Diese Schichten sind oftmals besonders betroffen, wenn die Kinder nicht als Landwirte arbeiten wollen. Keine Landwirte – keine Landwirtschaft – keine Nachhaltigkeit!
* In welchem Ausmass hängt die Nahrungsmittelzukunft der Welt von China ab?
China und Indien sind zu wichtigen Wirtschaftsmächten aufgestiegen, die zusammen einen Drittel der Weltbevölkerung ausmachen. In Indien wächst die Bevölkerung besonders schnell, während das rasante Wirtschaftswachstum in China den Welthandel grundlegend umgestaltet hat. Nahrungsmittel werden nicht nur in grösseren Mengen, sondern auch in grösserer Vielfalt nachgefragt. China konsumiert heute mehr Fleisch, Milchprodukte und Gemüse als jemals zuvor. Dieser Trend wird sich noch verstärken. Das Land musste den Verbrauch der eigenen Forstressourcen stoppen und ist inzwischen zum Holzimporteur geworden. Ausserdem herrscht vielerorts eine dramatische Verknappung von Trinkwasser und Strom.
Die chinesische Nahrungsmittelproduktion konzentriert sich heute vermehrt auf hochwertige Nutzpflanzen. Obwohl China immer grössere Mengen an Reis, Soja und anderen Nahrungsmitteln importiert, sind die Weltmarktpreise für diese Erzeugnisse nicht markant gestiegen, und auch für die Zukunft ist nicht mit derartigen Veränderungen zu rechnen. Die Versorgung aus anderen Quellen hat Schritt gehalten.
Meiner Meinung nach hängt unsere „Nahrungsmittelzukunft“ davon ab, ob es China, Indien und weiteren Ländern gelingt, ihren zukünftigen Bedarf mit effizienteren Produktionssystemen zu decken. Unsere Stiftung lancierte vor kurzem in Indien ein Programm, das den Zielgruppen einer wohltätigen Organisation hilft, die Wassernutzung und Gemüseproduktion zu optimieren und somit die Voraussetzungen für höhere Einkommen und eine gesündere Ernährung zu schaffen.
„Die Biotechnologie kann einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Ernährungssituation leisten“
* Was hat die Biotechnologie den Entwicklungsländern zu bieten?
Die Biotechnologie liefert eine Vielzahl leistungsfähiger Tools, die den Entwicklungsländern schon heute zu Vorteilen verhelfen. Einige dieser Methoden und Verfahren sind traditionell, kostengünstig und unbestritten, wie beispielsweise das Bierbrauen, die Käseproduktion oder die vegetative Fortpflanzung. Andere sind neueren Datums und relativ unumstritten. Dazu zählen unter anderem die Genomik, die Bioinformatik und Gewebekulturen. Es gibt jedoch auch solche, die teuer und umstritten sind, wie zum Beispiel das Klonen, die Stammzellenforschung und transgene Nutzpflanzen.
In Afrika unterstützt die Syngenta Stiftung die Ausbildung auf dem Gebiet der molekularen Züchtungstechnik. Mithilfe von Genomkarten und der Markertechnologie kann die Züchtung lokal bedeutender Feldfrüchte wie Sorghum und Hirse verbessert und beschleunigt werden. An der Universität von Asmara in Eritrea hat die Stiftung zudem den Bau eines Forschungs- und Ausbildungszentrums für Gewebekulturen mitfinanziert. Damit kann das extrem arme Land qualitativ besseres und krankheitsfreies Material für den Bananen- und Kartoffelanbau bereitstellen.
* Wie denken Sie über transgene Nutzpflanzen?
Die Entwicklung und Freigabe von transgenen Nutzpflanzen ist eine ebenso umstrittene wie kostspielige Angelegenheit. Ich bin aber überzeugt, dass sie einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der Ernten, der Zuverlässigkeit und des Nährwerts von Lebensmitteln leisten können. Das Cartagena-Protokoll zur biologischen Sicherheit macht es bedeutend schwieriger und kostspieliger, die gesetzlichen Zulassungen zu erhalten und das Vertrauen der Konsumenten zu gewinnen.
Die Zahl der genetisch veränderten Nutzpflanzen, die den Landwirten in den Entwicklungsländern heute zur Verfügung stehen, ist relativ klein. Am meisten verbreitet sind Bt -Baumwolle und Bt -Mais. Wo sie von den Landwirten eingesetzt werden, ermöglichen sie beträchtliche Steigerungen, während keine nachteiligen Wirkungen festzustellen sind.
Aber leider führten Kürzungen im öffentlichen Sektor zu einer verminderten Forschungsaktivität im Bereich „Output Traits“, also bei Eigenschaften, die insbesondere der armen ländlichen Bevölkerung Vorteile bieten sollen. Die Kosten der Zulassung sowie ein entschlossenes Vorgehen der Gegner haben die potenziellen Vorteile von Nutzpflanzen mit höherem Nährwert ebenfalls verzögert oder ganz zunichte gemacht.
* Welchen Eindruck haben Sie von der bisherigen Arbeit der Syngenta Stiftung?
Die Stiftung kann durchaus einen Beitrag leisten und etwas bewirken, wenn wir unsere Arbeit fokussieren und uns auf unsere Stärken besinnen. Eine dieser Stärken liegt in unserem Netz von Partnerschaften in den Entwicklungsländern. Auch die grossartige Unterstützung, welche der Stiftung von den Kolleginnen und Kollegen bei Syngenta zuteil wird, wäre an dieser Stelle zu nennen. Heinz Imhof, unser bisheriger Vorsitzender, hat uns nach Kräften unterstützt . Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit seinem Nachfolger, Martin Taylor. Jetzt müssen wir unsere Fähigkeiten weiterentwickeln, um produktive Partnerschaften zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor aufzubauen. In diesem Bereich besteht noch ein beträchtliches Verbesserungspotential.
Weitere Informationen über die Syngenta Stiftung für Nachhaltige Landwirtschaft finden Sie unter: www.syngentafoundation.org

